Wegwerfen | Entwerfen. Müll im Designprozess und Nachhaltigkeit in der Designdidaktik
Februar 2018

«Ich betrachte Müll als Näherungswert menschlicher Auswirkungen auf die Welt.
Er ist die Spitze des Eisbergs. Er zeigt, wie etwas, das sehr lokal aussieht, einen globalen Effekt hat.»
Dan Hoornweg, 2014

Im Zuge der ‹Ökologisierung› des Designs seit den 1970er Jahren erhielten die ökologischen Auswirkungen von Design eine zentrale Rolle im fachlichen Diskurs und auch in der akademischen Lehre. Als Ergebnis dieser Aufmerksamkeit kann das Konzept eines ‹Nachhaltigen Designs› und dessen Vermittlung an Designstudierende gesehen werden.

Müll, als universeller Begriff für unerwünschte Nebenprodukte (‹Rest›) einer gezielten Handlung innerhalb von Produktion und Verbrauch, stellt einen Indikator für die ökologischen Konsequenzen gestalterischer Aktivität dar. Dieser Indikator wird hauptsächlich aus zwei unterschiedlichen Perspektiven theoretisiert:Innerhalb der ‹nachhaltigen› Designströmungen, wie bspw. dem ‹Ecodesign›, wird das Phänomen Müll hauptsächlich als technologische Spezifik behandelt. Beachtung finden vordergründig die Fragen, welche ökologischen Auswirkungen verschiedene Materialien (und deren Verbindungen in den Artefakten) bei ihrer Entsorgung haben und wie diese zu bewerten sind. Soziale Mechanismen innerhalb der Gesellschaft, die z. B. dazu führen, dass auch funktions- bzw. gebrauchsfähige Artefakte entsorgt werden, sowie kulturpraktische Betrachtungen, wie das Wegwerfen tatsächlich abläuft, treten in der Perspektive des ‹Ecodesigns› eher in den Hintergrund. Demgegenüber wird Müll in der Anthropologie und Soziologie als sozial konstruierter Prozess betrachtet. Die Materie bzw. das tatsächliche Artefakt spielt hier kaum eine Rolle. Wichtiger sind in dieser zweiten Perspektive die sozialen Mechanismen, durch welche Materie von Menschen zu Müll gemacht wird.Die vorliegende Designforschungsarbeit verfolgt das Ziel, ‹Nachhaltigkeit› anhand einer dritten Perspektive auf das Phänomen Müll an angehende Designerinnen und Designer zu vermitteln und innerhalb der Designdidaktik zu etablieren. Theorien Sozialer Praktiken, die habitualisierte Handlungen als Netz aus Bedeutungen, Artefakten und Formen des Wissens ansehen, erlauben eine Definition von Müll als Praktik des Wegwerfens. Gleichzeitig erlaubt die praktiktheoretische Perspektive das Miteinbeziehen von gestalterischer Tätigkeit als Praktik des Entwerfens und bietet damit einen gemeinsamen theoretischen Rahmen. Im Zentrum der Arbeit steht die erkenntnisorientierte, praktische Verbindung der beiden Handlungssets mit dem Ziel, ein designdidaktisches Programm zu entwickeln, welches das Konzept ‹Nachhaltigkeit› implizit vermittelt. Dieses didaktische Programm speist sich aus

  1. der Herausarbeitung einer mehrdimensionalen Definition des Mülls, welche die ökologischen (z. B. Bewältigungsstrategien), sozialen (z. B. Herstellung von Ordnung) und gestalterischen Bedeutungen (z. B. Artefaktphasen)  wiedergibt,
  2. der designtheoretischen Integration des Phänomens Müll in etablierte Theorien des Designprozesses und des Gebrauchsprozesses, mithilfe der entwickelten Modelle einer Designtheorie des Mülls und
  3. einem anwendungsbereiten Werkzeugset für angehende Designer und Designerinnen, welches das Phänomen Müll als ‹Analyseeinheit Wegwerfen› zugänglich und formbar macht.

Finanziert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, 2012–2015.