Müll als Forschungswerkzeug im Designprozess
Oktober 2012

«Ich betrachte Müll als Näherungswert menschlicher Auswirkungen auf die Welt.
Er ist die Spitze des Eisbergs. Er zeigt, wie etwas, das sehr lokal aussieht, einen globalen Effekt hat.»
Dan Hoornweg, 2014

Neben Informationen und bewegten Bilder überfluten auch die uns umgebenden Dinge, seien es Netzteile für Mobiltelefone oder Werbeprospekte des Supermarkts, das menschliche Bewusstsein und veranstalten in ihrer schieren Menge einen riesigen Lärm – object overload. Währenddessen stößt das elementare, vormoderne Ordnungsschema des dinglichen Repertoires nach dem Motto ‹überlebenswichtig – nützlich – Lust bringend› an seine Grenzen. Heute ist es schwierig geworden, die Dinge im eigenen Seelenhaushalt in Ordnung zu halten. Spezifische Zuweisungsakte, die als konstruierte «Ausschlussverfahren […] ausgesuchter Objekte aus dem eigenen Wahrnehmungshorizont» (Windmüller 2004: 284) fungieren, entwickeln sich nun nicht länger entlang des Überlebenswillens, sondern entlang des Entledigungswillens (entledigen – sich von etwas oder jemandem befreien). Ein solcher Wille zur Selbstbefreiung wird vom Gesetzgeber unterstellt, immer wenn zum Beispiel Müllsäcke in Mülltonnen platziert oder Zigarettenkippen auf die Straße geschnipst werden. Entledigung als Befreiungsakt und Regulierung wird mit der zunehmenden Anzahl an Dingen des persönlichen Besitzes immer häufiger nötig und ist als Wegwerfen zur «Kulturtechnik» (Faßler 1991: 198) geworden.

Alle Entscheidungen, die Designer treffen, beeinflussen die Kehrseite der materiellen Kultur, wie problematische Umweltauswirkungen und Abfallstoffe, in erheblichem Maße. Dennoch wird das Phänomen Müll in der Designpraxis nicht nach seinen grundsätzlichen kulturell-sozialen Beziehungen untersucht, sondern ausschließlich Symptom basiert aus pragmatisch-technologischer Sicht. Dies zeigt sich im Angesicht der lauten Debatte über die Belastbarkeit des Planeten Erde in der Proklamierung von Recycling, entweder als Herstellungs- oder als Entsorgungskriterium. Indirekt bieten Designer damit das Zirkulieren des «Prinzips Wegwerf» auf technologischer Basis als Antwort auf ein im Grunde ökologisches Problem an.

Wenn man das Wegwerfen als Endpunkt einer undefinierten Gebrauchsphase von Dingen fasst, so ist die Idee und der Entwurf eines Gestalters gewissermaßen der Anfang. Professionelle Gestalter müssen aufgrund einer Reihe von wirtschaftlichen Zwängen den Geschmack der Masse oder aber den Geschmack der Bessergestellten treffen, um auf dem Markt zu bestehen. Auch wenn dies Gestalter nicht von ihrer Verantwortung gegenüber Mensch und Umwelt entbindet, so sind es dennoch schlechte Voraussetzungen für die Erforschung der Möglichkeiten zur Nachhaltigkeit innerhalb der Designpraxis. Gleichermaßen kann man auch hier bereits an der Wurzel beginnen und zwar in der Designausbildung an Hochschulen. Grundsätze der Nachhaltigkeit und der nachhaltigen Produktentwicklung finden derzeit Einzug in die Lehre an Designhochschulen. Trotz der vermehrten Sensitivität für das Thema ist die praktische Umsetzung der Lehrinhalte sehr verschieden. Das Interesse für die Berücksichtigung von Umweltaspekten ist auch aufseiten lehrender und lernender Designerinnen groß. Dies ergab eine Anfang 2013 geführte Studie zu «Nachhaltige[r] Produktentwicklung an deutschen Hochschulen» (Bader 2013: 4). Von einer Theorie-bezogenen Durchsetzung im Design-Curriculum an Universitäten, insbesondere in Bezug auf planerische Maßnahmen, die die Entsorgung von Artefakten prinzipiell infrage stellen, kann dennoch nicht die Rede sein.

In einer «Kriterienmatrix» zum ‹Ecodesign›, herausgegeben vom Bundesministerium für Umwelt, Umweltbundesamt und Internationalen Design Zentrum Berlin, wird das Kriterium zur Gestaltung des «End of Life» eines Produkts mit «entsorgungsgerechtes Design: Idee/Konzeption zielt auf eine möglichst umweltverträgliche Entsorgung ab» (IDZ 2013: 1) beschrieben. Dabei wird deutlich, dass sich der Unterschied zwischen ‹Nachhaltigem Design› und «entsorgungsgerechtem Design» (IDZ 2013: 1) für angehende Designerinnen nicht von selbst erschließt und spezifische Konzepte zur Müllvermeidung in dieser Sichtweise generell vernachlässigt werden. Hier muss der Fokus stärker auf die Designdidaktik gerichtet werden, die ihren Einfluss auf die Produktwelt von morgen indirekt über Designerinnen geltend machen kann: Nicht als spezialisiertes, ‹korrektes› Design sondern als individuelles Resultat eines strukturierten Prozesses.

dissertation_seite2_webDie Autorin möchte die bestehende Methodenlandschaft des ‹Ecodesigns›, welche vor allem quantitative Methoden und Skalen als Bewertungswerkzeuge anbietet, um ein qualitatives, ethnografisches, exploratives Methodenset erweitern. Ein universelles, für alle erfahrbares Phänomen – das des Mülls – dient dabei als didaktischer Brückenschlag zu übergeordneten Zusammenhängen des ‹Nachhaltigen Designs›. Müll wird damit zum Schlüssel zu Nachhaltigkeit in der Designausbildung. Müll als Phänomen, Prinzip und Problem bietet die Möglichkeit sich zwischen allen begrifflichen Diskrepanzen auf ein einheitliches und dennoch komplexes Bild zu verständigen, welches einen ganzheitlichen Zugang zu Nachhaltigkeitsaspekten (ökologisch – sozial – wirtschaftlich) erlaubt.

Müll kann als übergeordnetes Prinzip, mit dem jeder etwas anfangen kann und das sich auf gesellschaftlicher wie persönlicher Ebene betrachten lässt, als Rahmung von Seminaren in der Designlehre Anwendung finden. Neben den in dieser Arbeit entwickelten methodischen Zugang zu Müll («Müllmethoden») können unter der Überschrift Müll auch etablierte ökologische Werkzeuge (bspw. «Ökobilanz») erprobt werden. Es eignet sich zudem, obwohl Produktdesign vordringlich betroffen ist, auch für Kurse in Studiengängen wie Kommunikationsdesign und Modedesign, was im Verlauf des Dissertationsprojekts getestet werden konnte. In der näheren Erörterung von Müll nicht nur als gegenständliches Phänomen sondern als alltägliches System aus Ritualen (‹Praktiken›) können angehende Designer ein grundsätzliches Verständnis von nachhaltigen Verhaltensweisen und der Tragweite ihrer eigenen Verantwortung erfahren. Im Fokus des Ansatzes steht nicht das Fakten Lernen sonder vielmehr das Erkennen von Zusammenhängen (‹System Thinking›) und der Schärfung intuitiver Designentschiedungen. Gleichermaßen rückt man durch die Darreichung eines ‹Tool-Sets› nicht von der analysierenden Eigenleistung und dem zu erlernenden Rechercheprozess der Studierenden im Entwurf ab. Ein in dieser Art angeleiteter Prozess ist wichtig, da er die dauerhafte Anlegung von Wissen bei den Studierenden ermöglicht. Damit haben sich diese Designerinnen dann eine Entscheidungsgrundlage für ihr professionelles Schaffen erarbeitet.

Schlussendlich ist die Verbindung von Ende (Müll) und Anfang (Designprozess) durch die Anwendung designdidaktischer Werkezuge («Müllmethoden») ein Versuch Innovationsprozesse anstoßen. Macht man sich bewusst, wie die Handlungen und Dinge des Alltags tatsächlich konfiguriert sind und ergründet man wie diese miteinander in Verbindung stehen, legt man Pfadabhängigkeiten offen, die unter anderen Umständen Innovationen verhindern. So steht im Zentrum der hier im Projekt angestrebten Designlehre wirklich ‹andere› (nachhaltigere) Lebensweisen zu ermöglichen.

Finanziert wird die Forschungsarbeit von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.