Exposé
Januar 2011

Im Hinterhof meines Wohnhauses stehen sechs schwarze Mülltonnen, zwei blaue Papiertonnen, zwei Altglastonnen und eine Biotonne. Mir fällt die große Menge an Müll auf, denn er liegt auf der Tonne, neben der Tonne, vor der Tonne – einfach überall. Am Beispiel Müll wird deutlich wie unangenehm und besorgend es ist über globale ökologische Zusammenhänge unseres Verhaltens nachzudenken. Das Wirtschaftssystem, in dem wir leben, hat nach und nach den Zusammenhang zwischen materiellen, energetischen und menschlichen Ressourcen verändert. Gleichzeitig nehmen die Auswirkungen der Industrieproduktion auf das Ökosystem exponentiell zu. In dieser Arbeit, die mein Studium abschließen wird, möchte ich auf dieses bedrückende Gefühl der Unruhe und Angst und die daraus folgende Mühe für das Wohlergehen – Sorgen – eingehen. Wenn keine Position zu diesen Sachverhalten eingenommen wird, ist auch der Designer handlungsunfähig vor dem Hintergrund globaler und moralischer Interdependenz und Auswirkung. Die Universallösung gibt es nicht, aber Ansatzpunkte bieten sich viele. Die große Welle des Öko- oder Greendesign verspricht so einiges, doch wie leicht, ist es für Otto Normal das Richtige zu tun?

Meine Arbeit befasst sich mit den Vektoren Sympathie und Kommunikationsfähigkeit im Sustainable Design und untersucht die menschliche Komponente in ökologischen Produkten und Kampagnen. Mit der Verwendung von einfachen und intuitiven Technologien als Sympathieträger und Botschafter soll die Problematik sich verändernder Klima- und Gesellschaftsbedingungen direkt in Objekte übersetzt werden. Prozesse und Produkte, die mit Humor und Offenheit arbeiten, erreichen den Nutzer auf eine unverblümt direkte Weise. Ohne den moralischen Zeigefinger sollen street-level inventions und non-intentional Design zur Inspirationsquelle für nachhaltige Lösungen im Alltag werden. Die Hypothese lautet: Herstellungsprozess und Entsorgung sind Aspekte eines Produktes, die maßgeblich dazu beitragen können nachhaltiges Verhalten anzuregen.

Als Ergebnis meiner Arbeit sollen Prototypen von Produkten oder Services entstehen, die durch die Ausarbeitung und Anwendung des konzeptionellen Ansatzes auf sehr menschennahe Weise mit einer ökologischen Problematik unserer Zeit umgehen und neue Verhaltensweise anregen. Ziel soll sein, Dinge des täglichen Lebens zum einfachen Nachbauen, Nachmachen und Nachvollziehen zu entwerfen, die aber im Tenor der Nachhaltigkeit einen Akzent setzen.

WERTSTOFFE

Was würde passieren, wenn niemand mehr unseren Müll abholt? Wenn er lebenslang an uns Verursacher gebunden wäre? Angenommen das neue Bewusstsein für Wertstoffe schreitet weiter voran, dann würde so ein Verursacherprinzip kein Problem darstellen. Im Gegenteil, es gibt in unserer zivilisatorischen Geschichte bereits Beispiele für die Lagerung oder das Horten von Wertstoffen (Goldreserven). Es handelt sich dabei um einen der Grundpfeiler der wirtschaftlichen Gesellschaft. Ich bediente mich also aus der kulturellen Formensprache der Menschheit. Gleichzeitig kam ich dem alltäglichen Abfall immer näher, so nahe wie ich ihm bis dahin noch nie war. In einem Prozess vollzog sich die Transformation vom „Plastikmüll einer Woche“ bis zur Wertanlage „pure trash“ (purer Müll).

 IM WANDEL

„Nach der Lehman-Pleite 2008 und dem Beginn der Griechenland-Krise 2010 verzeichnen Händler wieder einen Ansturm auf Münzen und Barren.”
Der dritte Goldrausch. In: Süddeutsche Zeitung, 19. Juli 2011

Die Zeiten sind hart, in denen wir gerade leben. Eine Hiobsbotschaft jagt die nächste. Gerade in Zeiten der Krise lässt sich die Flucht in echte Werte beobachten. So wie der aktuelle Run auf Anlagen in Gold und vor allem Goldbarren. Doch Gold ist nicht gerade zeitgemäß. Seine Einsatzmöglichkeiten sind weitaus geringer als die von Öl. Das schwarze Gold ist stets in Bewegung und befindet sich im Umlauf in allen Lebensbereichen. Wenn es ausgeht, ist es das Ende der Welt wie wir sie kannten. Wir haben nichts zu verschenken. Wertstoffe, die wir im Supermarkt oder anderen Geschäften erworben haben, sollten wir nicht den anderen überlassen. Oder würde man Geld aus dem Fenster werfen? Es gehört auf die Bank! Aber vertrauen kann man diesen Banken nicht. Deshalb sammelt eure Wertstoffe. Schließlich sind eure Wertstoffe voll mit euren Geschichten. Eine Erinnerung, eine Dokumentation, ein Zeugnis der eigenen Lebensweise. Und mal im Ernst, diese Wertstoffe wie PP, PE oder PVC sind im Moment günstig wie nie. Doch das wird sich bald ändern…
Richtet euch eure ganz eigene Wertstoffbank ein, verwaltet euer Kapital und seid Herr über die Erinnerungsstücke bunter Zeiten. Geburtstagsparties, Diäten oder Gehaltserhöhungen werden in dieser Wertstoffbank liebevoll dokumentiert. Diese Momente zeigen sich in ihrer Verschiedenheit in der bunten Zusammensetzung eures Wertstoffs PLASTIK. Jedes Stück ist ein Unikat, untrennbar mit dem Besitzer verbunden. Ein Blick in das Innerste.

DESIGN SERVICE

Ich biete nun einen einzigartigen Service an: die Einrichtung einer ganz eigenen Wertstoffbank. Sie ermöglicht die Verwaltung des angesammelten Kapitals und macht den Besitzer zum Herren über seine Erinnerungsstücke an bunte Zeiten – Barren aus purem Müll.

pure trash Barren © Susanne Hausstein

Der Bedeutungssprung von Müll zu Wertstoff vollzieht sich in mehreren Schritten. Diese Transformation von Materialität, Farbe, Geruch und Volumen ist entscheidend um eine stabile Wertanlage zu generieren. Zunächst akquirierte ich Probanden, die mir ihren Verpackungsmüll zur Verfügung stellten. Sie sammelten sieben Tage lang alles, was sonst in den Gelben Sack oder in die Gelbe Tonne wandert. Nachdem ich die gesammelten Rohwertstoffe erhalten habe, ist die Reinigung der Gegenstände von großer Bedeutung, da ich den Müll nicht industriell verarbeite, sondern manuell. Dabei ordne ich die Objekte zuerst nach ihrer Beschaffenheit bezüglich Größe und Material. Zugleich ergibt sich ein Konsummuster, das Vorlieben und Gewohnheiten nüchtern aber bunt widerspiegelt. Um den Müll weiterzuverarbeiten müssen alle Gegenstände in zweidimensionale Flächen umgewandelt werden. Dieses strukturelle Sezieren entspricht einer „kreativen Zerstörung“ der ursprünglichen Funktion und schafft vor allem Ähnlichkeiten innerhalb der Gegenstände. Der Vorgang ist notwendig um eine weitere Komprimierungsstufe zu erreichen. Die flächigen Teile werden nun vom Vernichter UNITED OFFICE UAV 380 gehäckselt und zu einer flockigen Masse verarbeitet. Das Gesamtgewicht dieser Masse gibt Aufschluss darüber, wie viele PURE TRASH Barren der Proband in einer Woche erzeugt hat. Jeder einzelne Barren nimmt eine Masse von 50 Gramm komprimiertem Müll auf. Die Flocken werden in einer Silikonform mit Polyesterharz eingegossen. Dabei bleibt die Beschaffenheit der Bestandteile und die Zusammensetzung des Mülls gut sichtbar erhalten. Formal lehnt sich der PURE TRASH Barren an die Standardmaße eines 12,5 Kilogramm Heraeus Goldbarren, er wiegt aber nur 250 Gramm.

DIE ARBEIT

Die komplette Diplomarbeit [ent]SORGEN – Explorationen über Mensch und Müll zwischen Vernichtung und Wertsicherung kann hier angeschaut werden!