Das Wort Müll entstammt dem Beruf des Müllers, der das klein geriebene Produkt aus seiner Mühle als Müll bezeichnete. Das Wort Abfall bezog sich zunächst politisch-religiös auf das Abfallen vom Glauben bzw. bezeichnete den natürlichen Prozess den Früchte an Bäumen durchlaufen um als Humus wieder in den Stoffkreislauf des Baumes zurückzukehren.

Müll und Mensch sind in Abhängigkeit voneinander entstanden. Schon in der Steinzeit gab es Müll. In steinzeitlichen Siedlungen fand man Abfallhaufen, bestehend aus Knochen, Scherben, Asche und organischen Materialien, die von Zeit zu Zeit angezündet wurden.Nachdem man bereits im antiken Rom feste und flüssige Abfallstoffe trennte und sogar ein weitreichendes Abwasser-Kanal-System („Cloaca Maxima“) etabliert hatte, gerieten diese Erkenntnisse im Mittelalter in Vergessenheit. Abfälle (darunter auch Fäkalien) wurden auf der Straße entsorgt, teilweise wurden Schweine eingesetzt um die organischen Abfälle zu fressen. Zahlreiche Seuchen (darunter Pest und Cholera) waren die Folge. Schließlich erkannte man den Zusammenhang zwischen den Krankheiten und Hygiene. Bereits 1435 gab es in Hannover eine Straßenreinigung mit zwei Karren, die dem Scharfrichter unterstellt waren. Damit in Zusammenhang stehen erste Verordnungen zur Beseitigung von Unrat, die seit dieser Zeit bekannt sind. Da aber vor allem Adlige und Geistliche (die den meisten Müll produzierten) nicht mit Dreck und Gestank in Verbindung gebracht werden wollten, entstand daraus ein Gewerbe, das die Abfallbeseitigung und Straßenreinigung gegen Bezahlung übernahm.

Entsorgung im 19. Jahrhundert

Das Einsammeln von Kehricht wurde um 1860 ein eigenständiger Beruf.

Enzyklopädien aus 250 Jahren zeigen, dass der Begriff „Abfall / Abfälle“ eine durch und durch moderne Erscheinung ist. Der Begriff taucht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Bezug auf „Produktions-Abgänge bei Fabriks- und Gewerbetätigkeit“ zum ersten Mal auf.1 1896 ist der Begriff „Abfall“ erstmals ein eigenes Stichwort in den Enzyklopädien. Mit der Wende zum 20. Jahrhundert verwendet man den Begriff vor allem für „Restformen der (groß-) städtischen Konsumtion“. Die Industrialisierung erzeugt ein neues Müllverhalten, denn das Wegschmeißen und Zurücklassen ist „Motor und Garant der Modernisierungsdynamik“.2

Mit dem Konjunkturaufschwung in den 1960er Jahren landeten jedoch immer mehr Materialien im Kehricht, die sich nicht kompostieren ließen und entfernt werden mussten. Vor allem Kunststoff, der damals als Neuentdeckung seinen Siegeszug in der modernen Industrie- und Konsumgesellschaft antrat, stellte ein erhebliches Problem der Abfallbeseitigung dar. Auch in Bezug auf den Umgang mit Müll stellt sich in dieser Zeit eine beachtliche Trendwende dar, von der Sammelkultur der Kriegs- und Nachkriegsjahre ging man (auch durch die Erfindung von Kunststoffen) zur Wegwerfkultur über. Hand in Hand mit der Welle der Einwegprodukte stieg die Menge Müll an. Um so deutlicher wurde gerade in dieser Zeit der psychologische Dienst des Mülls am Menschen. Die Hinwendung zur Wegwerfkultur symbolisiert gerade in der Nachkriegsgeneration eine Abkehr, ein in den Mülleimer werfen alter Ideologien und Traditionen von denen man sich durch den Prozess des Wegwerfens physisch trennen könnte. Auch heute noch wird das Wegwerfen oder Ausmisten als psychologische Strategie vollzogen und gemeinhin angeraten.

gesicherter Müll

Dieser Müll ist sicher.

Der Abfallstatus ist keine intrinische Eigenschaft, sondern eine Frage des Standpunktes in Abhängigkeit von den jeweiligen gesellschaftlichen Machtkonstellationen und kulturellen Gegebenheiten. Abfall ist eine in sich paradoxe soziale Konstruktion, die als gesellschaftsstabilisierend und zugleich gefährdend eine Zuweisung und einen Ordnungsfaktor darstellt. Müll kann als Ausdruck kultureller Prozesse verstanden werden und gesellschaftliche Zusammenhänge manifestieren sich in seiner Zusammensetzung.

„Abfall eignet sich in besonderem Maße für Moralisierungsprozesse alltäglichen Handelns und ökologischer Verantwortungskonstruktionen.“3

Seit den 1960er Jahren wird in der BRD mit der Gründung des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE) und in der DDR durch Gründung der SERO das Sammeln von Abfällen und Wertstoffen organisiert. In den folgenden Jahren wurden viele verschiedene Gesetze entlassen, die Abfälle klassifizierte und Verantwortungsbereiche festlegte. Das Duale System („Der Grüne Punkt“) besteht seit 1990 in Deutschland. Es wurde kurz vor Inkrafttreten einer neuen Verpackungsverordnung vom 12. Juni 1991 gegründet und sollte es Unternehmern und Firmen erleichtern mit den neuen Gesetzen umzugehen. Denn die Verordnung sah vor, dass alle Unternehmen nun selbst für die Entsorgung ihrer Produkte und Verpackungen verantwortlich waren.
Verhältnis Wertstoffe Restmüll

Zahlen des Statistischen Bundesamts, 2010

Nachdem nun das Sortierverhalten der Bürger moralisiert wurde und bessere Sortiermaschinen auf dem Markt sind, wandelt sich die Verteilung von Restmüll zu sogenannten Wertstoffen, die durch Recycling stofflich (auch mittels Verbrennung) verwertet werden. Vieles was früher also im Kontext als Müll bezeichnet wurde, befindet sich heute in der Kategorie Wertstoff oder Sekundärrohstoff.

So bleibt der Abfall das Abgefallene, das aus dieser Ordnung gefallene übrig. Dabei handelt es sich vor allem um toxische Reststoffe mit denen niemand etwas zu tun haben will.

1 Sonja Windmüller, Die Kehrseite der Dinge, S. 33

2 ebenda, S. 36

3 ebenda, S. 42