Das Müllheizkraftwerk Ruhleben der BSR ist eines der modernsten und größten (bezogen auf das Kesselvolumen) seiner Art. Erst 2012 wurde eine neuer Kessel in Betrieb genommen, der die fünf alten Verbrennungslinien ersetzt. Die BSR ist sehr stolz auf ihren neuen Kessel und auf die Art und Weise wie ein solch kostenintensives Vorgehen umgesetzt wurde. Mehr Informationen und Einblicke in die Funktionsweise des Heizkraftwerkes hier.

MVA_1Ab dem frühen Morgen schlängeln sich an der Waage des Werkes entlang, die Rampe hinauf unzählige orangene Müllautos. Sie bringen den Hausmüll der Berliner. Über die Hälfte des anfallenden Restmülls in Berlin geht nach Ruhleben, der andere Teil wird in der Lausitz von Vattenfall verfeuert. Die Anlage läuft ununterbrochen, selbst nachts und feiertags. Dies erfordert eine stabile Menge an Müll, sodass es nicht etwas in Zwischenzeiten zu Engpässen kommt und das Feuer erlischt.

MVA_2Die Anlage in Ruhleben ist ein Kraftwerk. Durch die Verbrennung von Müll entsteht Hochdruckdampf, der an das benachbarte Kraftwerk Reuter (Vattenfall) geliefert wird und dort in Storm und Wärme umgewandelt wird. Fünf Prozent der Berliner Energie kann durch die Verbrennung in Ruhleben erzeugt werden.

MVA_3MVA_4Der Trennungsverdruss der Berliner kommt der Funktionsweise des Heizkraftwerkes zugute. Organische Anteile, wie Biomüll und Papier, und vor allem Anteile an Plastikmüll erleichtern die Verbrennung ungemein, und tragen zu einer Erhöhung des Heizwertes bei. Gleichermaßen erfordert diese Gäraktivität in den Müllbergen der Anlagen ein häufiges und kontinuierliches Umschichten. Würden die Kräne oberhalb der Anlieferrampen nicht fortwährend die Müllmassen von rechts nach links bewegen, würde schon in der Anlieferungshalle ein Feuer ausbrechen. Über eine Wärmebildkamera haben die “Steuermänner” der BSR im “Cockpit” der Anlage genauen Einblick in die Wärmeentwicklung im Müll.

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Jedes Ding ist das Inkarnat einer Mentalität (Elias 1989). Schon beim Anblick der bunten auf Knopfdruck leuchtenden Schautafel hinter dem Modell der Anlage im Besucherraum musste ich an die psycho-logische Gegenständlichkeit der Dinge denken. Friedrich Wolfram Heubach beschriebt 1987 darin die Modellierung der Lebenswelt durch uns umgegebene Alltagsdinge. Das einprägsamste Beispiel war der Flipper-Automat. In diesem Müll-Kran inklusive Cockpit mit Drehsessel und Wärmebildkamera sehe ich die Fortsetzung dieser Repräsentanz des Psychischen in den Dingen. Nur ist es an dieser Stelle wohl so, dass die Repräsentanz keine Spiel- bzw. “So tun als ob-” Umgebung benötigt. Vielmehr scheint sich der Spieltrieb (siehe auch Sortieranlage – eine Achterbahn) in die technologisch-organisatorischen Abläufe unseres täglichen Lebens auszubreiten. Der Greifarm im Ruhlebener Müllheizkraftwerk erinnert an Greifautomaten (“Grabber”) vom Rummelplatz. In der Modellierung der Lebenswirklichkeit geht es da ganz sicher, wie bei den meisten Müll-Ritualen, um die Ordnung des Chaos. Wobei der Greifer eine distanzierte, von der Fingerfertigkeit des Bedieners abhängige Lebensauffassung suggeriert. Als verlängertes Selbst fungiert der Greifarm als ordnende Instanz und Ausdruck der technologischen Beherrschung des Schmutz und Dreck. Während in einem Greifautomaten meist verschiedenes einer Sorte (Kuscheltiere, Süßigkeiten…) auf einem chaotischen Haufen liegt, und scheinbar der eigene Geschmack das zu greifende Teil festlegt, liegt in der Müll-Halle in Ruhleben alles undefinierbar zusammen. Hier kann es dem Bediener nicht um ein bestimmtes Objekt im Chaos gehen, es geht um die gesamte Bewegung der Masse von hier nach dort und schließlich um den Einwurf in die Klappe zum Höllenfeuer…

MVA_5MVA_6Über die “Einwurfklappe” befördert der Greifarm den Müll schließlich in den Kessel, von dort gibt es kein Zurück. Der Müll sieht sich dem Höllenfeuer gegenüber. “Beseitigung” oder aber “thermisches Recycling” findet nun statt. Etwas zwei Drittel der Müllmasse kann man so verschwinden lassen. Mit dem anderen Drittel muss man sich dann doch noch herumschlagen. Schlackereste spuckt die Anlage über ein langes Fließband an der Rückseite der Hallen aus. Schlacke wird als sogenannter Baustoff verwendet. Die Qualität ist gering, sodass damit vorwiegend Deponieabdeckungen hergestellt oder aber Straßen gebaut werden (Müll zu Müll). Metalle werden ebenso über Fließbänder abgetrennt und separat von einer Fremdfirma verwertet. Kupferspulen werden sogar händisch aussortiert.

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Weiterhin Teil des letzten Drittels sind die Filteraschen und Rauchgasreinigungsrückstände der Anlage. Diese Asche ist hochgiftig. Sie wird in Untertagedeponien verbracht und gelagert.

Elias, Norbert (1989). Über den Prozeß der Zivilisation. Bd.1 Frankfurt a. M.: Suhrkamp